Hans Arp (1887-1966)
Hans (Jean) Arp wurde am 16. September 1887 in Strassburg geboren und starb am 7. Juni 1966 in
Basel. Der deutsch-französische Maler, Graphiker, Bildhauer und Dichter war Mitbegründer des
Zürcher Dadaismus und des Surrealismus in Paris. Er widmete sich besonders dem Holzrelief und der
Papiercollage und nahm mit seinen "materialen Texten" auch grossen Einfluss auf die abstrakte Dichtung.
Nach einem Kunststudium in Weimar und Paris arbeitete Arp mehrere Jahre als Maler in der Schweiz. 1912
stellte er bei einer Ausstellung der Künstlervereinigung "Der Blaue Reiter" seine Arbeiten einem
grösseren Publikum vor. 1913 arbeitete er mit den Künstlern um die expressionistische
Zeitschrift Der Sturm zusammen. 1916 war Arp einer der Gründerväter der Zürcher
Dadabewegung, an deren Aktivitäten er sich bis 1919 beteiligte und deren Strategie einer
"synthetischen Dichtkunst" er mitentwickelte. Dort lernte er u.a. Kurt Schwitters und Friedrich Glauser kennen. Durch sein künstlerisches Engagement
beeinflusste er 1919 bzw. 1920 auch die um Max Ernst gruppierte Dadabewegung in Köln. 1921 heiratete
Arp die schweizerische Malerin Sophie Taeubner-Arp (1889-1943). 1924 ging er nach Paris, wo er mit den
Surrealisten zusammentraf.
1917 begann Arp mit der Ausarbeitung zunächst farbiger, später dann rein weisser Holzreliefs,
wobei er abstrakt-organische Formen ausschnitt und übereinandermontierte. Diese runden
Kompositionen, die die früheren quadratischen ablösten, wurden bestimmend für sein ganzes
späteres Werk.
In den 30er-Jahren begann Arp, freistehende, meist abstrakte Skulpturen zu schaffen, die ihrer Konzeption
nach noch an die Holzreliefs erinnern. Das Werk Configuration (1928; bemaltes Holz, Kunstmuseum
Basel) ist typisch für seine weich fliessenden, biomorphen Formen. Ausserdem arbeitete Arp mit
Gouache-Technik und schuf Collagen, Radierungen und Lithographien. Zu seinen in deutsch (als Hans Arp)
oder französisch (als Jean Arp) verfassten Gedichtbänden gehören u. a. Der vogel
selbtritt (1920), Weisst du schwarzt du (1930), Mondsand (1960) und Sinnende Flammen
(1960).
1.
weh unser guter kaspar ist tot
wer verbirgt nun die brennende fahne im zopf und wer dreht die kaffeemühle
wer lockt nun das idyllische reh
auf dem meer verwirrte er die schiffe mit dem wörtchen parapluie und die
winde nannte er bienenvater
weh weh weh unser guter kaspar ist tot heiliger bimbam kaspar ist tot
die heufische klappern in den glocken wenn man seinen vornamen ausspricht darum seufze ich weiter kaspar
kaspar kaspar
warum bist du ein stern geworden oder eine kette aus wasser an einem heissen wirbelwind oder ein euter
aus schwarzem licht oder ein durchsichtiger ziegel an der stöhnenden trommel des felsigen wesens
jetzt vertrocknen unsere scheitel und sohlen und die feen liegen halbverkohlt auf den scheiterhaufen
2.
jetzt donnert hinter der sonne
die schwarze kegelbahn und keiner zieht mehr die kompasse und die räder der schiebkarren auf
wer isst nun mit der ratte am einsamen tisch wer verjagt den teufel wenn er die pferde verführen
will wer erklärt uns die monogramme in den sternen
seine büste wird die kamine aller wahrhaft edlen menschen zieren doch das ist kein trost und
schnupftabak für einen totenkopf
3.
auf den wasserkanzeln bewegen die kaskadeure ihre fähnchen wie figura
5 zeigt
die abenteuer mit falschen bärten und diamantenen hufen bestiegen
vermittels aufgeblasener walfischhäute schneidend das podium
der grosse geisterlöwe harun el raschid sprich harun al radi gähnte dreimal und zeigte seine
vom rauchen schwarz gewordenen zähne
die merzerisierten klapperschlangen wickelten sich von ihren spulen mähten ihr getreide und
verschlossen es in steine
aus dem saum des todes traten die augen der jungen sterne
nach der geisselung auf der sonnenbacke tanzten die hufe des esels auf
flaschenköpfen
die toten fielen wie flocken von ledernen türmen
wieviel totengerippe drehten die räder der tore
als der wasserfall dreimal gekräht hatte
erblich seine tapete bis auf das blut und die matrosenmatritze zersprang
aus der tiefe stiegen die schränke und breiteten ihre anker aus
endlich wagte das meer die ohnmacht der bittern kompasse
die glitzernden engel drehten sich in ihren
angeln
die gläsernen eulen reichten sich den tod von schnabel zu schnabel
die vögel hingen ihre glasschweife wie wasserfälle aus den felsen
die bäuerinnen trugen ausgebrannte ausgestopfte sonnen in ihrem
haar den bäuerinnen nur in ihren kröpfen nur in ihren nickhäuten nur in ihrer
lieben kleinen stadt jerusalem wachspuppen auszusetzen erlaubt war
4.
die edelfrau pumpt feierlich wolken in säcke aus leder und stein
lautlos winden riesenkräne trillernde lerchen in den himmel
die sandtürme sind mit wattepuppen verstopft
in den schleusen stauen sich ammonshörner diskusse und mühlsteine
die schiffe heissen hans und grete und fahren ahnungslos weiter
der drache trägt die inschrift kunigundula und wird an der leine geführt
den städten sind die füsse abgesägt
den kirchtürmen nur volle bewegungsfreiheit in den kellern gegeben
darum sind wir auch nicht verpflichtet die krallen hörner und wetterfahnen zu putzen
5.
obwohl der mond mir wie ein spiegel gegenüberhängt schmerzt mich der engel im auge
auf den tischen laufen die sämereien auf und pochst du an die
pflanzen so springen ihre blumen hervor
die löwen verenden vor ihren schilderhäusern mit giesskannen voll diamanten zwischen den
krallen
die führer tragen schürzen aus holz
die vögel tragen schuhe aus holz
die vögel sind voll widerhall
unaufhörlich rollen ihnen die eier aus ihren kleinen herzen
ihre sohlen stehen auf schreitenden flammen
reisst die schneekette so rufen sie den herrgott an
senkt sich das himmelsrad so treten ihre hufe auf schwarze körner
im januar schneit es graphit in das ziegenfell
im februar zeigt sich der strauss aus kreideweissem licht und weissen sternen
im märz balzt der würgeengel und die ziegel und falter flattern fort
und die sterne schaukeln in ihren ringen
und die windfangblumen rasseln in ihren ketten
und die prinzessinnen singen in ihren nebeltöpfen
wer eilt auf kleinen fingern und flügeln den morgenwinden nach